Von Schurkenstaat zu Schurkenstaat
Iran gilt im Mittleren Osten, aus westlicher Sicht, zu den absoluten Schurkenstaaten und steht auf der Rangliste westlicher Staatschefs diesbezüglich unangefochten auf Platz eins. Nach den offenbar gefälschten Wahlen im vergangenen Sommer und der Wiederwahl von Präsident Ahmadinedschad verfiel das Land in einen konstanten Protest. Oppositionelle wurden festgenommen und öffentlich hingerichtet und Ahmadinedschad sprach immer häufiger von der Anreichung von Plutonium. Die nachrichten konnte ich verständlicherweise nicht im Raum stehen lassen und habe mich selbst für zwei Wochen mit dem Rucksak, der Kamera und einer Weggefährtin auf die Reise durch Iran gemacht.
Mit dem Zug wollte ich von Damaskus nach Teheran fahren, doch schon in Syrien die erste Enttäuschung: Für die kommenden zwei Monate würde der Trans-Asia-Express nicht mehr fahren, weshalb weiss nur Allah. Die Ausreden würden die Länge des Blogs sprengen. Kurzerhand flogen wir also in eines der größten Länder der Erde und stellten dann während der bis zu14-stündigen-Busfahrten fest, welche Ausmaße Iran besitzt.
Die Reise startete in Shiraz mit einer Besichtigung von Persepolis, der alten Hauptstadt des Perserreiches, bevor die Stadt von Alexander dem Großen fast vollständig zerstört wurde. Weiter ging es an den Persischen Golf nach Bandar Abbas und Qeshm Island, wo Hitze und Trostlosigkeit uns allerdings nur einen Tag verweilen ließen. Fast vier Klimazonen gibt es gleichzeitig in Iran, von der Hitze des Golfs bis in die Wüste und die schneebedeckten Berge Teherans im Norden.
Für uns ging es dann weiter in die Wüste. Zunächst nach Yazd mit seinen herrlichen Moscheen und den Windtürmen, die in der flirrenden Hitze für eine kühle Birse in den braunen Lehmhäusern sorgen. Hier hatten wir das Glück an einer Feuerzeremonie der Zoroastrier teilzunehmen, der von Zarathustra gestifteten Religion, die vor dem Islam vorherrschend in Iran war. Doch das alte Ritual zu Ehren eines ihrer Vorväter kippte schnell. Viele Jugendliche aus dem ganzen Land waren nach Yazd gekommen und aus einem ruhigen Fest wurde nach Sonnenuntergang eine spontane Demonstration mit gereckten Fingern und Viktory-Zeichen im Feuerschein. Ich konnte nichts anderes glauben, als dass dieses Land kurz vor der Erfüllung der im Sommer begonnenen “grünen Revolution” stehen musste.
Aber nur zwei Tage später erlebte ich das Gegenteil und lernte Menschen kennen, die das Regime schätzen und unterstützen – und das aus vollkommen nachvollziehbaren Gründen. Der Bus warf uns mitten im Nirgendwo raus, in einer Geröllwüste, in der in der Nähe einige Häuser standen. Nur knapp 2.000 Menschen wohnen in Toudeshk und wir hatten uns entschlossen den Ort als Ausgangspunkt für unsere Dünenerkundungen zu wählen. Abends stolperten wir mit unserer Gastfamilie in ein Nachbarhaus und erlebten einen vollkommen aufgedrehten Mann mit wildem Rauschebart, zwei Frauen und neun Kindern. Er sang lauthals, zitierte den iranischen Dichter Hafez und lobte und dankte immer wieder Allah, dann dem Propheten Mohammad, dann Präsident Ahmadinedshad: Zum ersten Mal seit 65 Jahren wurde sein Haus an das Elektrizitätsnetz angeschlossen. Auch das ist der Iran.
Dann in die Wüste, weicher Sand, der sich über die Ebenen wälzt, unfassbare Stille.
In Esfahan sahen wir die beeindruckendsten Moscheen der Reise mit ihren blauen Mosaiken, die vom Boden bis zur Decke reichten. Meine Begleiterin jedoch wurde schon nervös: Qom, die wohl religiöseste Stadt Irans, in der die Frauen ausnahmslos mit wallenden, ganzkörperbedeckenden Schleiern durch die Straßen laufen, warf seine Schatten voraus. Eine neue iranische Freundin nahm die Bedenken: “You know, people there are nice – just religious!” Einfacher kann man ein Land, eine Region und seine Konflikte nicht umschreiben. Der Zwiespalt zwischen Staat und gesellschaft ist mir bislang in keinem arabischen Land so deutlich geworden wie im Iran. Wenn die arabische Gastfreundschaft schon hochgeschätzt wird: Die persische Gastfreundschaft ist unbeschreiblich. In den Straßen konnten wir kaum 10 Meter gehen, in denen wir nicht angesprochen und auf diverse Gläser Tee eingeladen wurden. Ein erstaunliches Land, das sich so sehr vom arabischen raum unterscheidet. Ein Land mit intelligenten und gutausgebildeten jungen Menschen, die m.E. die vom religiösen Wächterrat ausgelegte Auffassung des Islam nicht mehr teilen wollen. Eine Kultur, die so reich ist, so kunstvoll, so atem- und wortraubend.
Zum Abschluss Qom mit seinen 300 Schreinen für Heilige und Verwandte des Propheten, dann die Hauptstadt Teheran und sein Museum für Märtyrer.
Zu vielseitig sind die Eindrücke, zu wenig die Worte, diese Reise zu beschreiben. Aber glücklicherweise die Fotos genauso zahlreich.
Hier gehts es zur Fotostrecke.

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